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Leseprobe

(S. 106-109) aus dem Buch "Schlüsselkompetenz Argumentation" von Karsten Stölzgen u.a.

 

6.3 Argumente aushebeln ohne Angelpunkt: destruktives Fragen

 

In Kapitel 4 Argumente widerlegen (siehe Seite 55) wurde gezeigt, dass Fragen ein wichtiges Mittel der Plausibilitätsprüfung in der Argumentation sind. Voraussetzung für diese Art von Fragen ist allerdings, dass der Fragende eine Vorstellung davon hat, welche Punkte der gegnerischen Argumentation kritikwürdig sind. Destruktives Fragen setzt das nicht voraus. Weil sozusagen ins Blaue geschossen wird, muss dem Fragenden überhaupt kein konkreter Anlass zur Kritik bekannt sein. Alle hier vorgestellten Fragen können auch als nicht-destruktive Frage auftreten. Die Besonderheit destruktiven Fragens liegt nicht in der Formulierung oder dem argumentativen Gehalt, sondern in der Motivation: Gibt es keinen inhaltlichen Anlass für die Frage, dann ist sie wahrscheinlich destruktiv. Unabhängig davon, ob tatsächlich ein wunder Punkt getroffen wurde oder nicht, wird der Gefragte in eine Verteidigungshaltung gedrängt, was aus gesprächsstrategischen Gründen hilfreich sein kann.

 

Wie reagiert man als Gefragter möglichst geschickt auf diese Art des Fragens? Zum einen kann man die Frage schlicht beantworten und hoffen, schnell wieder zum eigentlichen Punkt zu kommen. Dabei ist es aber wichtig, sich durch destruktives Fragen nicht von seiner ursprünglichen Argumentation ablenken zu lassen. Mitunter reicht es auch aus, die Frage als destruktiv und unmotiviert zu benennen („Diese Frage hat offensichtlich nichts mit dem eigentlichen Thema zu tun. Ich komme zurück zur Sache"). In vielen Fällen ist man damit allerdings schlecht beraten, da ein solches Verhalten oft als Ausflucht gewertet wird. Welche Abwehrstrategien darüber hinaus bei den jeweiligen Formen destruktiven Fragens hilfreich sein können, ist bei den einzelnen Fragenarten aufgeführt.

 

Die Motivation („Wieso bringen Sie diesen Punkt auf?", „Was bezwecken Sie mit diesem Argument?", ...)

Die Frage zielt auf den Beweggrund der Argumentation ab. Der Gefragte soll sich verpflichtet fühlen, darlegen zu müssen, welches Anliegen er mit dem Punkt verbindet oder wie dieser sich in seine Gesamtargumentation einfügt. Es wird also eine Rechtfertigung für das Hervorbringen des Arguments eingefordert. Die Motivationsfrage soll damit darauf abzielen, die Glaubwürdigkeit des Gegenübers zu untergraben, indem auf versteckte Interessen angespielt wird („Warum schwärmst du eigentlich die ganze Zeit von All-Inclusive-Urlauben? Das ist doch nur vorgeschoben. Du weißt genau, dass es das in Dubrovnik nicht gibt. Jetzt tust du so, als sei dir das wichtig, dabei willst du in Wirklichkeit einfach nicht nach Kroatien"). Die einfachste Replik hierauf ist eine kurze inhaltliche Antwort. Wer diese nicht parat hat, kann immer auch die Retourkutsche fahren und wiederum nach einer Rechtfertigung fragen („Wie kommst du darauf, dass zu behaupten?").

 

Die Person des Gegenübers („Woher nehmen Sie eigentlich Ihre Kompetenz?", „Wieso glauben Sie, das beurteilen zu können?", ...)

Mit dieser Frage wird versucht, das Gegenüber als Person zu diskreditieren, indem die Eignung als Gesprächspartner auf Augenhöhe angezweifelt wird. Eine solche Frage ist meistens schlagend, wenn keine passende Antwort gefunden wird. Ein eventuell vorhandenes Publikum empfindet diese Art des Fragens aber oft als unangemessen scharf. Bei der Frage nach der Eignung der Person droht dem Gefragten ein großer Verlust an Glaubwürdigkeit. Deswegen sollte er unbedingt eine inhaltliche Antwort geben. Wer diese nicht geben kann oder will, kann alternativ den Zweifel wiederum bezweifeln („Was war an meinen Ausführungen fehlerhaft, dass Sie sich meiner Kompetenz unsicher sind?").

 

Der Inhalt („Stimmt das überhaupt?", „Woher hast du diese Information?, ...)

Auch der Inhalt bietet sich als Gegenstand für grundloses Zweifeln an. Man kann zum einen die Faktizität in Frage stellen und so beliebig Belege einfordern. Zum anderen kann man durch destruktives Fragen auch suggerieren, dass eigentlich ein anderes Thema gerade viel besser passen würde („Eigentlich geht es hier doch gar nicht um All-Inclusive. Du hast einfach keine Lust auf Club-Urlaub, oder?").

 

Die Form („Geht das auch ohne Fremdwörter?", Können Sie es nicht auch etwas weniger professoral ausdrücken?", ...)

Der Angriff auf die Form ist eine der schwächeren Formen des destruktiven Fragens. Es ist für alle Beteiligen vollkommen offensichtlich, dass keine inhaltliche Kritik vorgenommen wird. Wenn aber die Form tatsächlich stark aus dem Rahmen gefallen ist, kann die Frage nach der Form sehr effektvoll dazu dienen, den Gesprächspartner vor einem Publikum zu diskreditieren. Für den Gefragten ist es meistens am besten, sich auf die Diskussion über die Form nicht einzulassen, sondern bei der Sache zu bleiben. In einigen Fällen lässt sich auch eine inhaltliche Rechtfertigung für die Form finden („Das Thema ist so komplex, dass einfache Formulierungen am Kern vorbei gehen").

 

Der Zeitpunkt („Warum kommen Sie jetzt damit?", „Glaubst du, dass dieser Moment der richtige dafür ist?", ...)

Wer nach dem Zeitpunkt fragt, der unterstellt, dass das angegriffene Argument gerade nicht passt oder anderswo besser gepasst hätte. Diese Frage lässt sich meistens am besten inhaltlich kontern, indem man die aktuelle Relevanz kurz darlegt.

 

Der Angesprochene („Warum sagen Sie mir das?", „Und was soll ich jetzt damit anfangen?", ...) Mit der Frage nach der Person des Angesprochenen wird das Argument nicht inhaltlich hinterfragt, sondern behauptet, dass der Adressat der falsche sei. Im Gespräch kann man damit oft Überraschungseffekte erzielen, weil das Gegenüber mit einer solchen Frage selten rechnet. Auch hier kommt man als Antwortender an einer inhaltlichen Reaktion selten vorbei.

 

Die Definition („Wie definieren Sie...?", „Was genau meinst du mit...?", …) Wer nach der Definition fragt, fordert eine genaue Bestimmung eines Begriffs ein. Eine daraufhin gegebene Definition bietet mit hoher Wahrscheinlichkeit weitere Angriffspunkte und die Diskussion kann sich so mehr und mehr vom ursprünglichen Thema entfernen. Spontan eine treffende Definition zu geben, ist zum einen schwierig und zum anderen noch kein Garant dafür, dass man sich wieder den Inhalten zuwenden kann, da es immer kritische Stellen geben wird. Die eleganteste Lösung, als Gefragter einer schwierigen Definition zu entgehen, ist ein konkretes Beispiel zu geben.

 

Um zusammenzufassen: Mit destruktivem Fragen lässt sich zwar jedes Argument angreifen, trotzdem sollte man sparsam mit ihnen umgehen. Werden nämlich zu viele Fragen dieser Art verwendet, wird mitunter schnell offensichtlich, dass es an stichhaltigen Argumenten fehlt und kein eigenes argumentatives Material eingebracht wird.